Das hätte uns nun gerade noch gefehlt: eine
Hitler-Oper, die das Führerleben mühselig nachbuchstabiert;
dramatisierter und musikalisierter Fest; der Titelheld als bellender Baß oder vielleicht besser als
überschnappender
Tenor; umgirrt von einer Eva Braun des lyrischen oder
Koloraturfachs; an seinen Rockschößen der Opernchor im
braunen Hemde der SA.
Solch fatalen Ehrgeiz haben Friedrich Leinert,
der Musiker, und Michael Leinert, sein Sohn und Textdichter,
gottlob nicht
entwickelt. Sie zerpulvern eine große Zeit zur Kleinkunst. Ihre Collage „A. H.",
uraufgeführt
im Kleinen Haus des Gelsenkirchener Musiktheaters, bildet jüngste
Geschichte nicht ab, sondern knetet sie als
Spielmaterial durch. Sie splittert
sie auf in Miniaturen, die munter im Tempus hin- und herspringen, unsere
Gegenwart (manchmal recht simplifiziert) in ihrer Auseinandersetzung mit der
Vergangenheit reflektieren,
Hitler in Spotlights als Kind und als Jüngling, als
Agitator und als Staatsmann zeigen, als Inszenator seines
Ruhms und selbst
seines Todes. Die Bilderfolge spitzt sich zuweilen ins Kabarettistische; und am
komischsten,
erhellendsten wird sie immer dann, wenn sie ihren negativen Helden
selbst in authentischen Äußerungen zu
Wort kommen läßt. Hitlers bester Parodist
war eben Hitler selbst.
Heinz Leyer als komponierender Hitler am Klavier -
Udo Wegener
als Jugendfreund August Kubizek (Photos:
Majer-Finkes)

Photos links: Musikstudent Kubizek soll
Hitlers verquaste musikalische Ideen notierend "ins Reine bringen".
Photos rechts: Kaffeetrinken mit Führers
Lieblings-Süßspeise "Napf-Kuchen". Darunter:"Götterdämmerung"...
Zwei Teilaspekte haben Leinert Vater und Sohn
aus der Führer-Totale herausgeleuchtet. Nur dadurch legitimiert sich ihr
vermessener Versuch, zwölf Jahre nationaler Verirrung in den Denaturierungen des
„Großen Diktators" zu spiegeln
und diese auf der Bühne abzupausen. Er
legitimiert sich, weil da Inhalt in die Form übergeht, ja zur Form selbst wird.
Das „Dritte Reich" als theatralisches Ereignis; seine Architektur das
Bühnenbild; seine Aufmärsche die Inszenierung;
seine Uniformen die Kostüme;
seine Feste als zeremonielle Rituale;- Hitler der, Regisseur dieses
Reichsparteitags in
Permanenz: Darüber ist schon viel nachgedacht worden, und
das schlägt natürlich auch auf das Stück und seine
Gelsenkirchener Einrichtung
durch, Waltraut Engelberg hat die Breitbühne mit Hakenkreuzfahnen und Standarten
ausstaffiert und abgepolstert wie einen kultischen Andachtsraum. Der Regisseur
Rolf Schneider schiebt, die Anregungen
von Werk und Bühnenbild allerdings nicht
entschieden genug aufgreifend, zwischen die komisch-fürchterlichen
Kurzbrenner
feierliche Huldigungsappelle, läßt die Szene zu Altarbildern versteinern.
Dazu gehört, und das ist der andere Aspekt,
selbstredend Bayreuther Musik. Wagner, der dafür wenig kann und
darum noch nicht
zum Präfaschisten wird, der mißverstanderne Wagner hat bei Hitler ja
folgenschwere Wirkungen ausgelöst.
Der Besuch einer „Rienzi"Aufführung in Linz
gab den Anstoß für den Entschluß, Politiker zu werden. Hitlers Identifikation
mit dem Volkstribun folgten weitere Identifikationen, die Identifikation mit dem
.,Götterdämmerungs" - Finale selbst
noch im Tode. Wir wissen, daß Hitler eine
Oper im Stile Wagners zu schreiben begonnen hat, kennen die Handlung von
„Wieland der Schmied", kennen aber nicht die Musik. Friedrich Leinert lehrt uns,
indem er Hitler komponierend am
Klavier vorführt, wie sie etwa geklungen haben
muß: eine Anhäufung nur kärglich modifizierter Leitmotive Wagners,
verbunden
durch schauerlich-donnernde Leerakkorde, Dilettantismus als künstlerisches
Prinzip - eine der einleuchtendsten
Momente von Leinerts musikalischer
Substanzierung, die häufig von Wagnerschen Materialien ausgeht, frei
phantasierend
sich von ihnen entfernt in groteske oder schmerzhafte Eskapaden.
Spindeldürr das Instrumentarium aus Klavier,
Harmonium, Cello, Klarinette und
Schlagzeug, das Dieter von Zdunowski führt, satt darüber gelegt, manchmal
kantilenartig sich ihm entfremdend, die Singstimmen.
Rollen-Identifikation ist hier natürlich nicht
gefragt, wird durch die offene Dramaturgie der Anlage ebenso bewußt
hintertrieben wie durch manche Tricks - etwa den, Hitler in sechsfacher Gestalt
auftreten und mit sich selbst singen
zu lassen. Trotzdem ist einer der sechs
hochbesetzten Mitwirkenden (unter ihnen Wolf Hacke mit Gewandtheit in
manchen
Dialekten) mehr Hitler als die anderen: der Tenor Heinz Leyer, der den
komplex-geplagten wie den
pathetischen, den spießig-leutseligen wie den
machtberauscht-perfiden Hitler stimmlich Emphase wie Brüchigkeit,
darstellerisch
selbstbewußtes Brustraus und psychopathische Verkrampfungen gibt: ein
Opernsänger als Kabarettist.
Aus den Lautsprechern kommt, neben Chören nach
Texten von Stefan George, Marschmusik und Fliegerdonnern,
Wagner-Orchester und
Kriegslärm, die akustische Kulisse, die sich das Hitler-Reich schuf und vor der
die Kunstmusik
sich ducken muß. Am Ende dankt sie ganz ab. Ein Sinuston,
bis ins Schmerzerregende hochgedreht, jagt die
Zuschauer aus dem Saal -
schließliche Resignation des Komponisten vor einem Stoff, der ihm unter den
Händen
doch zu gewaltig wird, als daß er sich musikalisch-szenisch fassen ließe?
Ein Vorwurf indessen ginge ins Leere:
daß dieses Stück Vergangenheit nicht
„bewältige". Was vielen recht ist, darf auch dem Musiktheater billig sein:
Marginalien zu einem Thema zu liefern, das uns noch lange beschäftigen und
beschweren wird.
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